Volles Haus und beeindruckende Live-Demos

Rückblick auf das Open House 2017

Nach einem rasanten Intro war es plötzlich sehr leise im Tollhaus. Die Spannung war spürbar gestiegen, als der Countdown zum Start des Open House 2017 heruntergezählt worden war. Mehr als 500 Automobil-Experten waren nach Karlsruhe gereist, um live die Vorstellung von CarMaker 6.0 zu erleben – einem Release, das neue Standards für den virtuellen Fahrversuch setzen wird. Doch bevor es in den Sessions um Produktdetails ging, wurde das Auditorium von einem gut gelaunten Gastgeber begrüßt. Geschäftsführer Steffen Schmidt freute sich sichtbar über die Rekordbesucherzahl und begründete zugleich in seiner Eröffnungsrede, warum der virtuelle Fahrversuch gerade heute mehr Aufmerksamkeit denn je auf sich zieht.

Die aktuellen Top-Themen Fahrerassistenz, autonomes Fahren und Energieeffizienz seien „echte Game-Changer und werden die Spielregeln traditioneller Entwicklungs- und Testmethoden grundlegend verändern.“ Die Technologien erfordern vollkommen neue Testansätze, die ohne virtuelle Methoden undenkbar sind.

Damit lieferte Steffen Schmidt das Stichwort für Prof. Dr. Eric Sax vom Karlsruher Institut für Technology (KIT). In seiner Keynote „Just when I knew all the answers they changed the questions“ machte Prof. Sax, auch Direktor am FZI (Forschungszentrum Informatik), deutlich, dass die Testprozesse und -methoden derzeit den eigentlichen Technologien hinterher hinken. Während Tests lange Zeit direkt aus den Anforderungen des Lastenheftes abgeleitet werden konnten, stehen wir heute vor dem Dilemma, dass die Grenze zwischen „pass and fail“ für ein autonomes Fahrzeug schwer zu definieren ist. 

Hinzu kommt die schier unendliche Anzahl an Testfällen, die sich aus einer „Test-Story“ ableiten lässt. Die Suche nach den richtigen Tests gleicht damit der Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen und bringt neue Themen auf die Agenda, wie selbstlernende Systeme, Mustererkennung und Schwarmintelligenz. Diese könnten genutzt werden, um Besonderheiten im realen Verkehrsgeschehen zu entdecken und daraus die relevanten Testszenarien für die Simulation zu gewinnen.

Passend hierzu präsentierte Produktmanager Dr. Andreas Höfer anschließend, wie sich mit dem neuen Scenario Editor der CarMaker-Produktfamilie anspruchsvolle Straßenszenarien in kürzester Zeit aufbauen lassen. Innerhalb weniger Minuten erstellte er live auf der Bühne eine virtuelle Teststrecke mit Höhenprofil, Tunnel, Kreuzungen, Häusern, Bäumen und Straßenschildern und schickte den virtuellen Fahrer direkt auf die Reise.

Geschäftsführer Steffen Schmidt leitet thematisch in die Veranstaltung ein: Im Sinne des Automotive Systems Engineerings sind aktuelle Entwicklungen durchgängig im Gesamtsystem abzusichern.

Im Sinne des Automotive Systems Engineerings sind aktuelle Entwicklungen durchgängig im Gesamtsystem abzusichern.

Prof. Dr.-Ing. Eric Sax vom Karlsruher Institut für Technologie (und Direktor am FZI – Forschungszentrum Informatik) fordert in seiner Keynote einen Paradigmenwechsel bei den Testmethoden und prozessen.

Dr. Andreas Höfer zeigt, wie sich mit CarMaker im Handumdrehen vielfältige Testszenarien für ADAS und autonome Funktionen erstellen lassen.

Session 1 - Fahrerassistenz

Diese beeindruckende Demo war der perfekte Einstieg in die erste Session zum Bereich Fahrerassistenz, für den CarMaker 6.0 viele neue Anwendungsmöglichkeiten bietet. Die Fahrzeuge des Verkehrs basieren jetzt auf einem Einspurmodell und bewegen sich autonom und physikalisch korrekt auf den virtuellen Strecken. 

Die Teilnehmer konnten sich bei der Demonstration verschiedener Spurwechselmanöver eigens hiervon überzeugen und auch beobachten, wie gemessene Trajektorien von Verkehrsteilnehmern in die Simulation importiert und variiert werden können. Produktmanager Josef Henning ist sich sicher, dass in puncto Szenariengenerierung „kein Tool an diese Komplexität herankommt“.

 Warum sich der Aufwand lohnt? „Im Zusammenspiel mit physikalischen Sensormodellen“, so Josef Henning „kommt es auf jedes Detail der Szenarien an.“ Je nach Anwendung bietet CarMaker hierfür eine breite Palette verschiedener Sensormodelle. Diese reicht vom idealen Sensormodell für Konzeptstudien bis hin zu physikalischen Modellen, welche die Rohsignale für den Test von Radar-, Ultraschall- oder Kamerakomponenten liefern. 

Session 2 - Powertrain

Spätestens beim Thema Real Driving Emissions (RDE) erübrigt sich die Frage, warum auch die Antriebsentwicklung den virtuellen Fahrversuch benötigt. Denn der virtuelle Fahrversuch simuliert mit Fahrer, Fahrzeug, Straße und Verkehr all jene Parameter, welche die Realfahrt und damit die Emissionen beeinflussen. 

In der zweiten Session demonstrierten Dr. Christian Donn und Jochen Petters daher, wie sich die Realfahrsimulation in den Entwicklungsprozess von Antriebssystemen integrieren lässt. Ein wichtiger Aspekt ist dabei der Aufbau eines virtuellen Prototyps, dessen Fahrwiderstand nun mithilfe eines erweiterten Datensatzgenerators auch anhand realer Ausrollkurven bedatet werden kann. Ebenfalls neu sind die Modelle für CVT- und Doppelkupplungsgetriebe sowie eine erweiterte Schnittstelle zur GT-SUITE von Gamma Technologies. 

Im Lieferumfang von CarMaker 6.0 inbegriffen ist außerdem eine anspruchsvolle EU-konforme RDE-Strecke rund um Karlsruhe sowie ein Paket weiterer gängiger Realstrecken. Zudem lässt sich CarMaker durch eine neue Schnittstelle zu PTV VISSIM als auch durch einen phänomenologischen Ansatz von IPG Automotive um eine stochastische Verkehrssimulation ergänzen. Das Dyno Interface erlaubt es außerdem, den virtuellen Fahrversuch mit weiteren Funktionalitäten auch an Motor-, Antriebsstrang- und Rollenprüfständen einzusetzen.

Session 3 - Fahrdynamik

Als Einstieg in die letzte Session des Tages verdeutlichte Martin Elbs die zentrale Bedeutung der Fahrdynamik für neue Mobilitätskonzepte, insbesondere für autonome Fahrzeuge. Was das Handling betrifft wünscht er sich augenzwinkernd einen autonomen Fahrer wie den Rennfahrer Walter Röhrl; einfach weil dieser für die perfekte Kontrolle des Fahrzeugs steht. 

Gleichzeitig erwartet er als Passagier größtmöglichen Komfort – gleichfalls ein wichtiges Kriterium der Fahrdynamik. CarMaker 6.0 kommt daher mit einigen wertvollen Erweiterungen, um Komfort und Handling weiter zu perfektionieren. Ein Beispiel ist der KnC Data Converter, mit dem sich aus den K&C-Messungen am Prüfstand ein leistungsfähiger virtueller Prototyp für Fahrdynamikanwendungen erstellen lässt. 

Mit den Dauerhaltbarkeitsprüfungen hat die CarMaker-Produktfamilie ein neues Anwendungsfeld erobert. Die ersten Anwender nutzen die Simulationssoftware bereits zur relativ einfachen Erzeugung realistischer Lastkurven, um beispielsweise die Haltbarkeit eines Fahrwerks zu testen.

SimulOscar Preisverleihung 2017

Am Ende der beeindruckenden Präsentationen und Live-Vorführungen fand die Auszeichnung der SimulOscar-Preisträger statt. Prämiert wurden herausragende studentische Arbeiten aus dem Bereich des virtuellen Fahrversuchs. Dr. Alexander Heintzel, Chefredakteur der ATZ/MTZ, Dr.-Ing. Michael Frey vom KIT und Steffen Schmidt ehrten die stolzen Gewinner.

1. Platz:
Andreas Hummler - „Entwicklung einer Traktionskontrollstrategie für ein Elektrofahrzeug mit radindividuellen Antrieben”

2. Platz:
Alexander Fen - „ Simulative Ermittlung von Key Performance Indikatoren eines Stauassistenten bei Hybridfahrzeugen“

3. Platz:
Berker Çolak - “Objektive Bewertung einer Lenkkraftunterstützung mittels radselektiver Antriebe”

Die stolzen Gewinner des SimulOscar 2017 (von links nach rechts): Berker Çolak, Andreas Hummler und Alexander Fen