30 YEARS OF INNOVATION

Interview mit Dr. Andreas Riedel

Herr Riedel, Sie sind mittlerweile ein Fahrdynamikexperte im Ruhestand – wie erleben Sie die aktuellen Entwicklungen in der Automobilindustrie?

Das autonome Fahren ist zweifelsohne ein wichtiger Trend. Ich persönlich muss zugeben, ich freue mich sehr darauf, in einem völlig autonomen Auto von A nach B gebracht zu werden, da ein Fahrzeug in vielen Situationen wie dem Berufsverkehr oder auf weiten Autobahnetappen in erster Linie Transportmittel ist. Natürlich will ich Fahrdynamik auch emotional erleben, aber dazu nutze ich dann das Motorrad und die Landstraße. Ein weiterer Trend in der Automobilbranche ist die ständige Weiterentwicklung der Fahrerassistenzsysteme, die für mich die Grundlage eines enormen Gewinns an Fahrsicherheit darstellt. Nehmen wir als Beispiel die Systeme ESP, das mir schon mehrfach in heiklen Situationen geholfen hat, oder aktuell das Kurven-ABS beim Motorrad

 

Wie sind Sie selbst mit dem Thema Automobil in Berührung gekommen?

In der Schule war ich bereits stärker in den Naturwissenschaften, insbesondere Mathematik und Physik. Außerdem hatte ich den Wunsch, ein Moped zu besitzen, um nicht immer Fahrrad fahren zu müssen. Recht früh habe ich mich gefragt, wie es möglich sei, dass ein Moped nicht einfach umfällt – also habe ich angefangen, mich zu Themen wie Motoren und Fahrzeugtechnik zu belesen. Mit meinem Motorrad war meine Begeisterung für den Fahrzeugbereich endgültig gefestigt.

 

Diesem Interesse entsprechend wählten Sie im Anschluss an das Abitur einen technischen Studiengang?

Der Wunsch, Fahrzeugbau als Vertiefungsrichtung zu studieren, war eindeutig. Ich hatte mich für das Maschinenbau-Studium entschieden, und nach vier Semestern konnte ich mich thematisch vertiefen. Das Interesse für Fahrzeuge war jedoch von Anfang an vorhanden, schon im 2. Semester hatte ich eine Vorlesung bei Professor Rolf Gnadler gehört: „Fahreigenschaften von Kraftfahrzeugen“.

Wie kam der intensivere Kontakt zu Professor Gnadler zustande?

Während des Studiums kannte ich ihn nur aufgrund des Besuchs seiner Lehrveranstaltungen. Als Diplomarbeit hatte er mir damals die Entwicklung eines Fahrermodells angeboten. Aus der jetzigen Sicht ist es kurios, denn das Thema hatte aus meiner damaligen Sicht nicht genug mit Fahrdynamik zu tun; später habe ich jedoch gelernt, wie viele Erkenntnisse im Bereich der Fahrdynamik sich überhaupt nur mit einem Fahrermodell herausarbeiten lassen. Damals hatte ich mich daher für eine Abschlussarbeit am Institut für Technische Mechanik bei Professor Wauer entschieden. Dieser wiederum hatte mich empfohlen, als Professor Gnadler Assistenten für ein Fahrdynamikprojekt suchte.

 

Genau wie bei Alexander Schmidt, Geschäftsführer von IPG Automotive, hat Ihre Assistenzzeit fünf Jahre gedauert und aus dieser Zusammenarbeit erfolgte die Gründung der gemeinsamen Firma. Woran können Sie sich besonders erinnern?

An viel Arbeit, auch am Wochenende. Im Vergleich zur heutigen Zeit waren manche Aspekte der Arbeit jedoch ganz anders. Heute kann man sich etwa gar nicht mehr vorstellen, dass wir spät abends und teilweise in der Nacht gearbeitet haben, weil zu diesen Zeitpunkten die Rechnerverfügbarkeit am besten war. Oft ging es zum Abendessen nach Hause, danach jedoch wieder ins Rechenzentrum.

 

Wie haben Sie den Schritt in die Selbstständigkeit erlebt?

Die Arbeit an unserem spannenden Thema war für mich schlichtweg entscheidend. Ich hatte einfach das Vertrauen, dass es klappen würde. Resümierend kann ich sagen, ich habe genau das getan, was ich wollte. Positiv für den Anfang war ebenfalls, dass wir zu Beginn ein Auftragspolster hatten und somit nicht gleich vor die klassischen Gründerprobleme wie Akquise gestellt waren. Diese Herausforderungen kamen dann jedoch später hinzu.

 

Wie hat sich die Arbeit für Sie gestaltet? Und wie sind Sie mit dem Wachstum des Unternehmens umgegangen?

Wir hatten den Vorteil, in die Aufgaben langsam hineinzuwachsen. Mit zunehmender Größe ergeben sich jedoch immer wieder neue Fragestellungen, sodass man ständig überprüfen muss, ob die Aufgaben innerhalb des Unternehmens sinnvoll verteilt sind. Nachdem bei uns früher jeder seinen eigenen Kundenstamm komplett betreut hatte, sahen wir es als Vorteil, die Felder thematisch zu trennen und die verschiedenen Aufgabenbereiche untereinander aufzuteilen, z. B. Entwicklung, Vertrieb, Marketing, Administration etc. Aber es gehört dazu, dass man im Laufe der Jahre dazu lernt, und ich kann zum Glück sagen, dass wir instinktiv vieles richtig gemacht haben.

 

Welche Höhen und Tiefen gab es?

Es war schön, am Anfang sehr viele Erfolge nacheinander zu haben. Man könnte aber auch sagen, dass wir ein wenig zu schnell gewachsen sind, da uns die Automobilkrise Anfang der 90er Jahre dann sehr unvorbereitet getroffen hatte. Diese Phase hat den euphorischen Boom der Anfangsjahre etwas gebremst. Glücklicherweise konnten wir diese Zeit jedoch gut überstehen und sind danach erneut beständig gewachsen und konnten auch unsere Produkte und Dienstleistungen stetig erweitern.

 

Wie hat sich die Unternehmenskultur gemeinsam mit dem Wachstum entwickelt?

Als Geschäftsführer habe ich natürlich auch immer die Verantwortung für all die Menschen im Unternehmen gespürt, die einem durch das gute Miteinander sehr ans Herz gewachsen sind. Wir hatten immer einen sehr fairen und freundschaftlichen Umgang genauso wie einen guten fachlichen Austausch. Die gegenseitige Wertschätzung ist dabei immer spürbar gewesen.

 

Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind?

Einen großen persönlichen Erfolg stellt für mich die Entwicklung von IPGDriver dar, da dieser für das Unternehmen nachhaltig Renommee bedeutet hat. Anfangs war die Entwicklung eines Fahrermodells mit unterschiedlichsten Ansätzen eine große Herausforderung begleitet von Momenten, in denen nicht immer alles so geklappt hat, wie wir uns das gewünscht hatten. Wir haben das Projekt jedoch kontinuierlich weiterentwickelt, unsere Erkenntnisse integriert und konnten nach viel Arbeit einen hervorragend funktionsfähigen IPGDriver vorweisen.

 

Erinnern Sie sich spontan an ein bestimmtes Erlebnis während Ihrer Unternehmerzeit, das Ihnen im Gedächtnis geblieben ist?

Ich denke – neben vielen anderen Dingen – immer mal wieder an eine konkrete Präsentation zurück. Auf der FISITA 1989/1990 sollte ich einen Vortrag über IPGDriver halten. Ich war ziemlich aufgeregt, denn obwohl mir Vorträge immer Spaß gemacht hatten, war dieser besonders: Ich musste ihn auf Englisch halten – hatte in der Schule aber nur Latein, Alt-Griechisch und Französisch gelernt.

 

Sie haben sich Ende 2011 von Ihrer Tätigkeit als Geschäftsführer des Unternehmens zurückgezogen. Verfolgen Sie die Entwicklung von IPG Automotive weiter?

Natürlich interessiert es mich, wie es mit dem Unternehmen weitergeht – schließlich stecken sehr viele Jahre meines Lebens darin. Für mich persönlich stellte sich jedoch mit Mitte fünfzig die Frage, wie es langfristig weitergehen soll. Gemeinsam mit Alexander Schmidt habe ich verschiedene Möglichkeiten betrachtet, wie die Zukunft des Unternehmens aussehen könnte. Immerhin ist man als Geschäftsführer in der Verantwortung für sehr viele Familien. Da in meiner eigenen Familie keiner den Weg in Richtung Automobilbranche gegangen ist und recht früh klar war, dass Steffen, der Sohn von Alexander Schmidt, den beruflichen Weg in diese Richtung einschlägt, ergab sich dadurch die Möglichkeit, dass IPG Automotive ein inhabergeführtes Unternehmen bleibt.

 

Wo sehen Sie den Markt der Zukunft?

Neben dem angesprochenen (teil-)autonomen Fahren, welches gravierende Änderungen mit sich bringen wird, bin ich der Meinung, dass andere Fahrkonzepte für den Nahbereich entwickelt werden. Gerade im städtischen Raum nimmt der Druck zu, geeignete Modelle zwischen weniger Gesamtverkehr und individuellen Mobilitätsbedürfnissen zu finden. Das wiederum wird neue Funktionen und Assistenzsysteme, vielleicht aber auch ganz neue Fahrzeuggattungen und kategorien hervorbringen. Dadurch steigt gleichzeitig der Entwicklungsaufwand, denn in neuen Fahrzeugen sind auch neue Technologien verbaut, Fahreigenschaften bis hin zum gesamten Systemverhalten sind unterschiedlich oder neue gesetzliche Bestimmungen müssen berücksichtigt werden. Um all diese Faktoren frühzeitig zu testen, werden noch mehr Tests bereits in der Simulation stattfinden – und dafür stellt IPG Automotive hervorragende Lösungen zur Verfügung. Ich bin sehr gespannt darauf die künftigen Weiterentwicklungen der Automobilbranche mitzuerleben.